Erster Zwischenbericht von Falko Saalfeld aus Chile November 2009
Projekt Acógeme: Kindertagesstätte für Straßenkinder (Santiago de Chile)
Mein Name ist Falko Saalfeld, ich bin 23 Jahre alt und komme aus Berlin.
Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker begonnen und diese erfolgreich im Januar 2009 abgeschlossen. Leider konnte ich keine berufliche Perspektive in dieser Richtung für mich finden, da einfach der Bezug zu Menschen fehlte.
Mitte der Ausbildung hörte ich von “weltwärts” und der Möglichkeit meinen anstehenden Zivildienst als ADiA (Anderer Dienst im Ausland) in einem fast beliebigenLand meiner Wahl abzuleisten.
Das war genau die Motivation, die ich brauchte, um zuversichtlich in die Zukunft zu schauen und trotz Desinteresse meine Ausbildung verkürzt abzuschließen. Dies war nötig, um der Altersgrenze für den Anderen Dienst im Ausland zu entsprechen.
Viel Aufwand, jedoch für die einmalige Chance, endlich die unbeliebten Computer hinter mir zu lassen und am anderen Ende der Welt einen Neuanfang zu wagen – in einer neuen Kultur, einer neuen Sprache, aber vor allem mit einer Arbeit, die einen direkten Bezug zu Menschen hat.
Nach längerem Suchen, entschied ich mich schließlich für eine Freiwilligen-Arbeit in einer Kindertagesstätte für Straßenkinder in Chile, über die deutsche Organisation Contigo e. V. Die Organisation erschien mir sofort sympatisch, auf Grund der warmen, familiaren Atmosphäre.
Mehr als 3 Monate bin ich jetzt also in Chile. Es ist Frühling in Chile und die Temperaturen erreichen schon teilweise die 30-Grad-Marke. Direkt im chilenischen Winter anzukommen, hat die Phase der Eingewöhnung sicherlich ein wenig verlängert, aber prinzipiell ist zu sagen, dass die Lebensweise hier, doch sehr westlich geprägt ist und es kaum an Umgewöhnung bedarf.
Mein Spanisch ist auch langsam gesellschaftsfähig und ich konnte mir in letzter Zeit einen Freundeskreis außerhalb meiner Arbeit aufbauen.
Das war anfangs nicht einfach. 9 Stunden Arbeit, 5 Tage die Woche, kurze, ungemühtliche Wintertage und ein schwerer chilenischer Aktzent, der nicht gerade die Verständigung bei meinen rudimentären Spanischkenntnissen erleichtete.
Aber so langsam, habe ich mich an den Rhythmus gewöhnt und wir konnten auf Arbeit durchsetzten, dass wir einen Ausgleich für die wöchentliche Mehrarbeit bekommen. Allgemein fehlt nicht mehr viel und ich werde mich hier, wie zu Hause fühlen.
Das Projekt Acógeme: Das Projekt Acógeme befindet sich im armen Stadtteil “La Granja” von Santiago de Chile. Es ist eine Kindertagesstätte für Kinder zwischen 5 und 14 Jahren, die aus besonders schwierigen, sozialen Verhältnissen kommen. Theoretisch hat jedes der Kinder zwar einen Vormund, aber auf Grund von schweren Arbeitsbedingungen, Kriminalität, Drogenproblemen und Prostitution kann die Fürsorgepflicht oft nicht wahr genommen werden. Ohne das Projekt, würden die Kinder direkt von der Schule nach Hause kommen und anschließend ihre Freizeit auf den Straßen La Granja´s verbringen. Obwohl es einige wenige Spielplätze gibt, können die Kinder dort nicht ungestört spielen. Im ganzen Bezirk spielt nämlich sich das soziale Leben auf der Straße ab und die sozialen Probleme nehmen direkten Einfluss auf die Entwicklung der Kinder.
Das habe ich ab Anfang nicht sofort verstanden, da die Kinder mit ordentlicher, gespendeter Kleidung nach der Schule ins Projekt kommen und auch die Möglichkeit haben sich vor Ort zu duschen. Die Armut ist dadurch nicht augenscheinlich und viele der Kinder verhalten sich nicht weniger normal, als Kinder in einem Hort in Deutschland.
Arbeitet man jedoch eng mit den Kindern zusammen, sieht man die klaffenden Bildungslöcher, die das hiesige Bildungssystem nicht zu stopfen vermag. Die weitere Entwicklung ist somit von vorherein besiegelt. Es gilt bei dieser Arbeit nicht, die mangelnde Bildung aufzuholen oder vielleicht sogar den Weg zu einem Studium und guter Arbeit zu ebnen. Es wäre vermessen anzunehmen, dass dies in einer Klassengesellschaft, wie in Chile möglich wäre.
Das wichtigste der Arbeit in dem Projekt wird offensichtlich, wenn wir z. B. Seminare über Drogen für die Kinder organisieren, damit sie wissen, was es in ihrem Umfeld gibt, wie es aussieht und wie schädlich es letztendlich ist. Bei einem solchen Seminar wurde mir das erste Mal richtig bewusst, wie stark der Einfluss der Straße auf die Kinder wirkt.
Es wurden den Kindern zwischen 8 und 12 Jahren Fotos duzender verschiedener Drogen gezeigt, um zu sehen, welche sie kennen und um einen Austausch zwischen den Kindern zu ermöglichen. Das schockierende Ergebnis für mich war, dass einige Kinder nahezu alle Drogen beim Namen nennen konnten und sie teilweise sogar nach Art der Einnahme einzuordnen wussten. Bei den anschließenden Anektdoten der Kinder fühlte ich mich wie gelehmt, da sie nicht nur mehr über Drogen wussten, sondern weil es in einem Alter war, wo ich mich nur für Trickfilmserien und Playstation interressiert habe.